
Unter dem ebenso schlichten wie großen Titel „Liebe“ gestaltete das Vokalensemble CANTEREMO am 19. September 2026 in der Pfarrei Heilige Schutzengel in Dortmund-Brackel einen eindrucksvollen Konzertabend. Unter der künstlerischen Leitung von Kirchenmusikdirektor Gerd Weimar spannte das Ensemble einen weiten musikalischen Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Dabei erwies sich das Thema Liebe als ausgesprochen vielgestaltig. Nicht allein die geistliche Liebe stand im Mittelpunkt, sondern ebenso Sehnsucht, Verlangen, Treue und Verlust, Erinnerung und menschliche Nähe. Schon die Auswahl der Texte machte deutlich, wie unterschiedlich Komponisten verschiedener Jahrhunderte diesem wohl ältesten aller musikalischen Themen begegnet sind. Mit dem mittelalterlichen „Kum Gselle min“ von Adam de la Hale und dem schwedischen „Kristallen den fina“ begann die Reise in vergangenen Klangwelten. Von dort führte das Programm zur großen Vokalpolyphonie der Renaissance. Palestrinas „Quam pulchra es“, nach Worten des Hohelieds, ließ die geradezu sinnliche Bildsprache des biblischen Textes hervortreten. Monteverdis „Zefiro torna“ wiederum verbindet das Erwachen des Frühlings mit dem schmerzlichen Kontrast persönlicher Trauer: Während ringsum die Welt erneut von Liebe erfüllt ist, bleibt dem lyrischen Ich nur die Erinnerung an die verlorene Geliebte. Gerade diese Wechsel der Perspektiven gaben dem Programm seinen besonderen Reiz. Auf Robert Lucas Pearsalls melancholisches „Lay a Garland“, einen Abschied von einer Verstorbenen, folgten Werke, in denen Liebe und Erinnerung wiederum ganz andere Gestalt annahmen. Hugo Distlers „Ein Stündlein wohl vor Tag“ erzählt mit beinahe volksliedhafter Unmittelbarkeit von enttäuschter Liebe, während Ēriks Ešenvalds’ „Only in Sleep“ den Blick in die eigene Kindheit richtet – auf Menschen, die nur noch im Traum unverändert wiederkehren. Einen deutlichen geistlichen Schwerpunkt erhielt der Abend mit Hildegard von Bingens „Karitas“, Thomas Tallis’ „If ye love me“ sowie zwei Werken von Ola Gjeilo. Besonders dessen „Ubi Caritas“ verdichtet den Gedanken des Abends in wenigen Worten: Wo Liebe und Güte sind, dort ist Gott. Hier zeigte sich zugleich, wie selbstverständlich CANTEREMO Musik ganz unterschiedlicher Epochen nebeneinanderstellen kann, ohne dass der dramaturgische Zusammenhang verloren geht. Zum gewichtigen Abschluss wurde Johann Sebastian Bachs Motette „Jesu, meine Freude“ BWV 227. In ihr verbinden sich Choralstrophen und biblische Texte zu einer musikalischen Architektur, die von Bedrängnis und Todesfurcht ebenso spricht wie von Vertrauen, Trost und schließlich Freude. Damit fand das Konzert einen Abschluss, der das zuvor Gehörte noch einmal bündelte und den Begriff der Liebe über das Zwischenmenschliche hinausführte. CANTEREMO widmet sich schwerpunktmäßig der A-cappella-Literatur und vereint Sängerinnen und Sänger aus mehreren Städten der Region. Das Repertoire reicht von der Renaissance bis zur Moderne; seit Anfang 2023 liegt die künstlerische Leitung bei Gerd Weimar. Diese Erfahrung mit stilistisch sehr unterschiedlicher Chormusik war für ein Programm wie dieses eine gute Voraussetzung: Nicht eine einzelne Epoche oder Tonsprache sollte den Abend bestimmen, sondern der Dialog zwischen Jahrhunderten. So entstand in der Kirche St. Clemens der Gemeinde Heilige Schutzengel ein Konzert, dessen Stärke vor allem in seiner sorgfältigen Programmidee lag. „Liebe“ wurde nicht auf romantische Gefühle verengt, sondern als etwas gezeigt, das Menschen über Jahrhunderte hinweg beschäftigt: als Begehren und Zuneigung, als Erinnerung und Verlust, als Nächstenliebe, Glaube und Hoffnung. CANTEREMO machte daraus eine musikalische Reise durch viele Jahrhunderte – abwechslungsreich, nachdenklich und zugleich unmittelbar zugänglich. Am Ende blieb damit weniger die Erinnerung an einzelne Epochen als an einen verbindenden Gedanken: Die musikalischen Sprachen verändern sich, das menschliche Bedürfnis nach Liebe und Verbundenheit nicht. Ein schönes und stimmiges Programm für einen Konzertabend, der noch eine Weile nachwirkte.


